Der Welt nicht mehr verbunden

„Der Welt nicht mehr verbunden“ so lautet der Titel eines Buches von Johann Hari, auf den ich in den sozialen Medien aufmerksam wurde. Es geht um die Ursachen von Depressionen und deren – wie der Autor sie nennt – „unerwartete“ Lösungen.

Das Buch habe ich mir sowohl als Hörbuch als auch als ebook zugelegt, denn inzwischen bin ich bei den Hörbüchern auf den Geschmack gekommen und liebe es mir, halb dösend mit einer warmen Decke und einem schöne Tee, vorlesen zu lassen und – wie in diesem Fall – der wunderbaren Stimme von Peter Lontzek zu lauschen. Ich möchte meinen, dass sein Opa meine Windpocken angeschaut hat.

Mindestens ein ebook muss ich aber auch noch haben, damit ich einzelne Textstellen nochmal nachlesen und die besonders schönen zitieren kann.

Als ich den Titel las, war mir sofort klar, dass ich dieses Buch lesen muss. Verbundenheit, das Gegenteil von Abgeschnittensein oder – wie die jungen Leute sagen – sich „lost“ fühlen. Das Gefühl kenne ich leider nur zu gut. Es trat in meiner Lebensgeschichte phasenweise mal mehr und mal weniger in Erscheinung, Manchmal kaum und dann wieder eiskalt. Keine Verbundenheit mehr zu spüren, das ist wie wenn man frei im Raum schweben würde, der wörtlich zu nehmenden Erdung durch die Gravitation entrissen, mit den Händen suchend und fuchtelnd nach irgendeinem Haken zum Festbinden. Wie ein Zeppelin, für den einst auf dem Dach des Empire State Buildings extra eine Spitze erbaut wurde, damit er dort anlegen kann. Was aber nie funktionierte, weil es in dieser Höhe viel zu windig ist und die Passgiere nur so vom Himmel purzeln würden.

Aber in meiner Fantasie kann ich mir vorstellen, wie es hätte hätte aussehen können: das Luftschiff – wie es so da schwebt mit mit der Spitze festgebunden und sich im Wind wiegend so leicht wie ein Lufballon. Bei schönem Wetter jedenfalls, aber wenn ein Sturm kommt und die Leinen nicht halten, reißt es sich los und schwebt dann wie im Weltraum oder – gar nicht so schön – wird vom Wind umhergewirbelt – ab jetzt ist es verloren, lost eben.

Zeppelin Photo by Anton Konstantinov on Unsplash
Empire State Buildung by by Liam Martens on Unsplash

Obwohl mir das Buch wirklich sehr gut gefällt, etwas skeptisch bin ich, was die Sache mit den Tabletten angeht. Patienten die hierzulande eine ausschließlich medikamentöse Behandlung wünschen stehen eher unter dem Verdacht sich ihren Problemen nicht stellen zu wollen. Ihnen wird leise der Vorwurf gemacht, dass versuchen mit Medikamenten unter dem Radar der Prolemdetektion fliegen und trotzdem gesund werden möchten. So wie man eine Angina kuriert – mit heißem Kamillentee, Schal und Zwieback. Über Depressionen und Angstzustände spricht man halt immer noch nicht (so gerne) und schon gar nicht über die Ursachen. Es sei denn, sie heißen Burnout. Burnout ist ok. Burnout adelt. 😉 Aber das ist nochmal ein anderes Thema.

Der Autor wendet sich im Buch daher weniger den Tabletten, sondern mehr dem Leben der Betroffenen zu und nennt hier mögliche Ursachen für eine Depression. Und das ist ja sowieso der interessantere Teil des Buches.

Will man etwas über die Gründe von Depressionen erfahren, muss man schauen, was im Leben dieser Menschen nicht in Ordnung ist.“

Johann Hari

Wir Menschen sind soziale Wesen und werden als solche in eine Gemeinschaft hineingeboren. Im besten Fall ist das eine intakte Familie mit mindestens einer fürsorglichen Person, die sich um das Kind und dessen Bedürfnisse kümmert. Über diese Fürsorge entsteht Bindung und die Erfahrungen, die Kinder in diesem Alter machen, ist entweder ein gutes Polster an einem verinnerlichtem Sicherheitsgefühl für das ganze spätere Leben oder eben ein weniger gutes oder nur ein kleines oder leider keines.

An dieser Stelle möchte ich ein vehementes Wort dafür einlegen, dass wenn ich Königin von Deutschland wäre, das Fach Psychologie als Schulfach einführen würde. Und dazu noch angewandte Psychologie in Gruppen- und Theaterstunden. Kinder machen und bekommen kann fast jeder, aber Eltern werden kann zum Fahren ohne Führerschein werden, wenn den Eltern von heute nicht genügend an Wissen und Erfahrung mitgegeben werden konnte oder sie vielleicht selber unbemutterte Mütter und Väter sind.

Bindung ist das, was die Menschen brauchen, egal wie alt sie sind. Ein guter Konakt zu Mitmenschen, zur Familie oder überhaupt einer Gruppe. Das Gegenteil von Bindung ist das Abgeschnittensein. Alleinsein heißt nicht immer zwangsläufig auch einsam sein, so viel ist klar. Aber wenn ein Mensch sich unfreiwillig abgeschnitten fühlt und keinen Zugang mehr zu Bindungen hat, nicht weiß, wie und wo er andocken soll, dann ist er wie der Zeppelin – lost.

Abgeschnitten können wir von vielen Dingen sein.
Johann Hari nennt hier das Abgeschnittensein

  • von mitfühlenden Menschen
  • von sinnvoller Arbeit
  • vom eigenen Kindheitsrauma
  • vom Eingebundensein in der Natur
  • von Status und Ansehen
  • von einer sicheren Zukunft

Als ich mich vor fast 30 Jahren, nach der Geburt meines Sohnes, zum ersten Mal mit dem Thema Depression beschäftigte bzw. aufgrund einer Diagnose beschäftigen musste, gab es noch kein durch das Internet breit zur Verfügung gestelltes Wissen über Erkrankungen des Gemüts. Aber ich wollte auch damals schon verstehen und wissen. Was mir aus all den Büchern, die ich seinerzeit über das Thema las war, dass ein Mensch 3 Dinge braucht:

  • Freunde,
  • eine Beziehung und/oder eine Familie
  • und einen Beruf.

Denn der Mensch lebt ja vom Brot nicht allein.

Danke Johann Hari, für dieses wunderbare Buch, welches einige Gründe der Depression nochmal ausführlich beleuchtet aber da nicht stehenbleibt, denn die überrachende Lösung ist: wer abgeschnitten ist, muss die Haltebändchen des Zeppelins in die Hand nehmen und schauen, wo er wieder anknüpfen kann.

Es muss ja nicht (nur) das Empire State Building sein.

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Bildquellen
komposition jutta Kemperle
Zeppelin Photo by Anton Konstantinov on Unsplash
Empire State Building – Photo by Liam Martens on Unsplash



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